Sozialisierung bedeutet mehr........

Die Worte "bestens sozialisiert" sollten viele besser deffinieren als nur das "In Haus und Garten aufgewachsen". Dazu gehört mehr - viel mehr - als das!

Beginn der Sozialisationen / Prägephasen

 

In der bisherigen Literatur wird die Sozialisation bzw. Prägephase für die Zeit zwischen der 6. und 10. oder auch 12. Lebenswoche angegeben. Ich möchte diese These nicht teilen, halte sie für oberflächlich und schlicht falsch. Sozialisationen in ihren näher definierten Phasen ziehen sich über das gesamte Hundeleben. Andernfalls könnten Hunde nach der 12. Lebenswoche nichts mehr analysieren, aufnehmen und verarbeiten, oder gar erlernte Dinge umlernen.

 

Die erste Phase der Sozialisation, der blinde Saugwelpe

Sie beginnt im Moment der Geburt, des Abnabelns. Sie wird unbewußt wahrgenommen, Geborgenheit und Harmonie der Mama und des Umfeldes bestimmen später zu einem hohen Prozentsatz die Souveränität des zukünftigen erwachsenen Welpen. Kleinkinder haben zu diesem Zeitpunkt nichts an der Wurfkiste zu suchen, nur unter Aufsicht schauen. Die Handlungen der Welpen sind instiktiv: das Heranrobben an die Milchbar der Mama, in Kontaktliegen der Welpen untereinander oder an und auf der Mama. Passiert Welpen etwas in der Phase, so kann die Auswirkung darauf ihr Leben lang dauern.

Müssen die Welpen ohne Mama heranwachsen, ist eine permanente streichelnde Zuwendung und Liebe sehr unerlässlich, die Mutterzunge muß ersetzt werden, das Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Welpen, die hier sich selbst überlassen werden, und ausschliesslich funktional versorgt werden, werden später Probleme bei Sozialen Kontakten und Ängste haben.

Die erste Phase der Sozialisation endet sobald sich die Äuglein und Öhrchen öffnen sowie dementsprechend äußere Dinge wahrgenommen werden können.

 

Die zweite Phase der Sozialisation, der Welpe

Sie beginnt mit den ersten bewußten Reaktionen und Wahrnehmungen der Welpen. Sie beginnen, sich gegenseitig bewußt zu erkennen und spielen miteinander. Das bereitet viel Spaß und wird zunehmend kultiviert. Auch ihre Mutterfixierung ist eine Interaktion, die durch das belecken der Mutterzunge bewußt bestärkt wird. Das vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit und aus diesem tollen Gefühl heraus sind die Welpen mit einer Zunahme an Selbstvertrauen gerüstet, um ihre Umwelt zu erkunden. Jedem Tag kommt etwas mehr und neues dazu, wird verarbeitet und gelernt.

Sie werden erst unsicher rumkrabbeln, fiepen und sich übereinander zusammen kuscheln. Doch nach wenigen Tagen schlendern sie schon alleine durch die Wiese, verstecken sich, spielen etwas unbeholfen, um dann mitten im Spiel in Tiefschlaf zu verfallen!Und da ist jede Stellung recht und wird als bequem empfunden.

Die Wurfkiste bleibt noch einige Wochen die Heimat der Kleinen, der sicherste Ort für die Welpen, wohin sie sich gefahrlos zurück ziehen können. Erst Stück für Stück suchen sie sich auch andere Liegeplätze.

Hier ist nun der Züchter relevant, er muß sich nun vermehrt mit den Welpen beschäftigen, damit diese auch Menschen kennen-und lieben lernen. Die streichelnde Hand ist wie eine Mutterzunge, die menschliche Stimme kann wie Balsam für die Seele sein, aber auch sehr furchteinflößend, daher stets sanft und liebevoll einzusetzen. Die Kleinen lernen bereits, Worte zu unterscheiden. Bei mir ist es der Zungenschnalzer, den sie nie mehr verlernen, und sie an ihre unbeschwerte Kindheit erinnern. Danach erst lernen sie ihre individuellen Namen bei mir.

Bei uns werden alle notwendigen Dinge bis zur 8. / 10. Woche gelernt. In der Zeit davor, also frühestens mit 8 Wochen, ist der Zeitpunkt ideal, Welpen in ein neues Zuhause zu entlassen.

Ab der 10. / 12. Woche fangen sie mehr oder weniger an, sich ernsthaft zu Bemühungen, in der Welpenhierarchie einen hohen Rang zu ergattern, wenn die Welpen zusammen bleiben.

Sind die Welpen etwa 10 Wochen alt, fangen auch die Rüden an, sich für sie zu interesseieren.Sie spielen mit ihnen und bringen ihnen allerhand Nützliches bei, so z.B. Unterordnung oder Beute machen. Dann sind die Kleinen fast erschlagen vor Überraschungen und Stolz, daß ein so suveräner Rüde sie wahrnimmt, selbst wenn dieser evtl. gerade mal ein paar Monate älter ist, in ihren Augen aber ein großer Held. Zunächst können sie es kaum glauben, wenn sich einer mit ihnen beschäftigt, doch dann scheinen sie fast vor Glück und Stolz zu platzen. Aus diesem Erlebnis nehmen sie eine große Portion von Selbstbewußsein und Respekt für ihr eigenes aber auch anderer Leben mit in ihre Zukunft. Das sollte man ihnen niemals verwehren, indem sie zu früh aus ihrer kleinen Familie heraus gerissen werden.

Es reicht, wenn der neue Besitzer wenigstens bis zur vollendeten 8. Lebenswoche wartet, er hat den Welpen dann noch lange genug. Hier wäre es natürlich optimal, wenn der künftige Besitzer seinen Welpen beim Züchter gerne regelmäßig besucht, denn dann kann aus der Hundefamilie heraus auch eine Bindung aufgebaut werden, und die Trennung vom gewohnten Umfeld und Hunden / Züchter ist nicht so urplötzlich. Und ein Welpe, der Menschen kennen gelernt hat, ist sein Leben lang in jeder Altersphase in der Lage, auch einen ganz neuen Menschen anzunehmen, zu lieben, und bei ihm zu leben, ohne je den vorherigen Menschen zu vergessen, aber andererseits auch keine Menschen, die schlecht zu ihm waren. Das ist der große Unterschied zwischen Hund und Mensch. Die Hunde öffnen ihr Herz allen, die lieb zu ihnen sind. Verschlagenheit auf emotionaler Ebene kennen sie nicht.

 

Urvertrauen

Liebe Leser, wenn Sie nun diesen Abschnitt lesen, werden manche denken, nun spinnt sie vollends. Nein, tut sie nicht. Ich meine das genau so!

Kleine Welpen toben, spielen, entdecken, tun sich manchmal weh. Dann ist ein großes Geschrei, man befürchtet als Züchter Schlimmes. Meistens ist aber nichts Ernstes passiert. Doch ich nehme dann stets den schreienden Welpen auf den Arm, schaue, was er hat - meistens gar nichts. Aber der Welpe sieht das natürlich anders. Also reagiere ich auf ihn, untersuche ihn mit tröstenden Worten, puste etwas die "böse Stelle" und achte genau darauf, daß mein Trösten nicht wie ein Veralbern des Welpen herüber kommt, auch würde ich niemals dem Welpen bedeuten, sich nicht so anzustellen, es ist doch gar nichts passiert. Ich bedeute ihm, daß ich ihn ernst nehme!

Nach der Inspektion behalte ich den Kleinen auf dem Arm, und beginne eine kleine Wanderung. Durch die leicht schaukelnde Bewegung vermittle ich die Geborgenheit im Uterus der Mutterhündin, gleichzeitig säusele ich dem Welpen ins Ohr.

Und ich mag es kaum schreiben, tue es aber doch. Ich singe dann ganz leise ( damit mich bloß kein anderer Mensch hört ) "Heile heile Gänschen, ist alles wieder gut."

Vermutlich geht der Text anders, aber das ist wurscht. Doch der Eindruck auf den Welpen ist immens! DAS Rüstzeug, was er so mitbekommt, läßt ihn später souverän sein, er fühlt sich ernst genommen, hat es in unserem Interesse nicht nötig, in der Hundeschule oder sonstwo zu raufen.

Ich nehme aber auch die Welpen immer wieder ohne "Verletzungsgeschrei" auf den Arm und beginne eine Wanderung, mit jedem Einzelnen. Und die Kleinen genießen es! Ich gebe so dem jeweiligen Welpen das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, einmalig und wichtig. Das stärkt ein souveränes Selbstbewußtsein. Solche Hunde haben es später nicht nötig, andere zu unterdrücken oder zu Angstbeißern zu werden. Sie werden souverän "über den Dingen stehen."

 

Die dritte Phase der Sozialisation, der Junghund, der erwachsene Hund.

Wenn aus dem Welpen ein Junghund geworden ist, und er in sein neues zu Hause umgezogen ist, beginnt die dritte Phase der Sozialisierung. Die wichtigsten Informationen sind mit ca. 12 Wochen abgespeichert, sozusagen das Gerüst für die Zukunft. Dieses Gerüst wird nun mit neuen Erfahrungen ausgekleidet. Diese neuen Erfahrungen können Stadtleben sein, Welpenschule, Rennbahn gucken, neue Menschen und Umfeld kennen lernen, fremde Hunde erleben usw.

In dieser vorpubertären Zeit werden Erlebnisse besonders in das Gedächtnis eingegraben, seien es positive oder auch negative. Gegen positive gibt es nichts einzuwenden, die können unbesprochen hingenommen werden. Negative hingegen können den Charakter in einer Weise beeinflussen, die nicht gefallen kann. So z.B., wenn der Hund ein schlimmes Erlebnis hat, zum Besipiel von einem fremden Hund gebissen wird, oder von einem Menschen geschlagen, wenn er allein ist, weil er seinen Besitzer beim Spaziergang verloren hat, eben alles, was Angst bereitet. Diese oder ähnliche negative Erlebnisse können ihn scheu werden lassen, was bei vergleichbaren Erlebnissen zu einem späteren Zeitpunkt nicht so sein muß.

Mit der Geschlechtsreife endet die Kindheit, dennoch bleiben die Hunde ihr Leben lang lernfähig, die dritte Phase der Sozialisation endet erst mit dem Tod des Hundes. Es ist eine nicht mehr haltbare Auffassung, daß Hunde mit ihrer leider immer noch kolportierten Prägephase nur bis zur 12. Woche definiert werden.

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